
In einer am 3. Juni 1311 ausgestellten Urkunde, in der Johannes, Pfarrer von Siegen, seine Einkünfte zur Errichtung des Marienaltars in der Siegener Martinikirche stiftet, finden wir erstmals den Namen Bürbach.
Der Name Bürbach setzt sich aus zwei Bausteinen zusammen:
- „BUR“: Das kommt vom altsächsischen Wort für „Haus“, „Wohnung“ oder „Siedlung“. Manche sagen auch, es kommt von „Bauer“. Also entweder war Bürbach der Ort mit den schicksten Hütten oder den fleißigsten Farmern. Wir tippen auf beides!
- „BACH“: Okay, das ist kein Rätsel. Das ist das fließende Ding, das mitten durch den Ort plätschert (früher auch gern mal „Burbeke“ genannt).
Das Ergebnis: Bürbach bedeutet im Grunde „Der Bach bei den Häusern“ oder „Siedlung am Bach“. Wir sagen hier aber „Birwich“!

Lange bevor Bürbach zum Web-Hotspot wurde, war es eine überschaubare, aber verdammt geschäftige WG aus wenigen Höfen. Im Zentrum des Ganzen stand der gräfliche Hof – Hoff Beuerbach – der von 1417 bis ca. 1600 den Ton angab. Der Hof unterstand dem „Gnedigen Hern“ in Dillenburg und er umfasste in seiner größten Ausdehnung 35 ha bestehend aus Wiesen, Feldern, Hauberg und sogar einem Fischweiher!
Die Work-Life-Balance (Schwerpunkt: Work) Das Leben der frühen Bürbacher, wie etwa der Familien von Chüen Heintz oder Hermans Heintz, war kein Ponyhof – auch wenn sie tatsächlich Pferde hatten. Man war stolzer Besitzer von Haus, Stall und Scheune, Rinder, Schweine und massenweise Schafe (bis zu 36 Stück pro Haushalt!). Der Reichtum wurde nicht in Bitcoins, sondern in „Wagen Heu“ und „Malter Haber“ gemessen. Gearbeitet wurde im Hauberg, wo man Korn anbaute und Holz schlug, als gäbe es kein Morgen.
Fashion & Style In Sachen Mode war man eher minimalistisch unterwegs. Der Dresscode für den Alltag: Weißes und schwarzes Leinen oder blaugraues Wollenzeug – schlicht und schmutzresistent. Wer etwas auf sich hielt, hob sich das „Leder und gute Wüllinen“ für die Feiertage auf.

Was kam auf den Tisch? Kulinarisch war der Alltag eher „Bodenständig-Vegan-Plus“. Die Bürbacher ernährten sich hauptsächlich von dem, was der karge Boden hergab: Erbsen, Linsen, weiße und gelbe Rüben sowie das unverzichtbare Sauerkraut. Milch, Butter und Käse waren die Basics. Aber wehe, es gab eine Hochzeit oder Kindtaufe! Dann mutierten die Bürbacher zu echten Genussmenschen. Plötzlich standen Huhn, Ente, Gans und sogar Fisch auf der Speisekarte. Dazu gab es statt des täglichen Wassers ein ordentliches Schenckbier (gebraut aus wilden Äpfeln und Birnen) oder – wenn man richtig auf den Putz hauen wollte – rheinischen Wein.

aus Haiger im Jahr 1617″
„Von der Naßawer natur.
Die Einwohner vnd das Landvolck betreffend ist es einfältig
aufrichtig vnd getrewl so wol gegen die fremde als auch vnder sich selbsten bevorn aber ihre angeborne Obrigkeit.
Sonsten aber ist es harter, starcker, gesetzter leiber vnd glider, arbeitsam und fleissig – feyret weder daheim noch draussen – aller arbeit, wie auch beides hitz vnd frost zu ertragen, von jugend auff gewohnet. Inmassen all solches ihnen die stetige vbung von kindheit an vnd dann die starcke natur mitgetheilet auch inen von ihren Vorfahren gleichsam angeboren vnd aufgeerbet ist.„

Man mag es kaum glauben, aber schon im 16. Jahrhundert war Siegen ohne Bürbach quasi aufgeschmissen – zumindest, was die Erfrischung anging. Bereits 1531/32 wurde die legendäre Bürbach-Siegener Wasserleitung in Betrieb genommen. Während man heute für Wasser einfach den Hahn aufdreht, war das damals ein echtes High-Tech-Projekt der Marke „Eigenbau“.
Die Quelle des Glücks Alles begann oberhalb des heutigen Neubaugebiets „Rünte“. Dort zapften die Siegener drei strategisch wichtige Brunnen an, die den klangvollen Namen „Nuwe Born“ (der neue Born) trugen:
- Der Kalte Born (Nomen est Omen),
- der Obere Kesselborn,
- und der Untere Kesselborn.

Adel verpflichtet – zum Plätschern Das Wasser floss nicht etwa zuerst zu den durstigen Bürgern, sondern hatte ein prominentes Ziel: das Obere Schloss. Genauer gesagt war der Springbrunnen im Schlosshof der erste Nutznießer. Man gönnte sich ja sonst nichts. Erst nachdem der gräfliche Hof versorgt war, durfte auch der Rest der Stadt Siegen von der Bürbacher Qualität profitieren.
Zwischen 1531 und 1537 ließ sich die Stadt Siegen dieses Projekt einiges kosten. Es wurde gegraben, verlegt und investiert, um das kostbare Nass über die Distanz zu befördern. Bürbach war damit offiziell der exklusive Getränkelieferant für die „Oberstadt“.
Das Ende einer Ära Über Jahrhunderte blieb „diese Leitung“ eine Lebensader, auch wenn später weitere Quellen erschlossen wurden. Erst im Jahr 1912 war endgültig Schluss mit der Bürbacher Vorherrschaft am Wasserhahn. Mit dem Bau der großen Versorgungsanlagen im Netpherland wurde es ruhig um die alten Leitungen an der Rünte.
Heute erinnert kaum noch etwas daran, dass der Prunk im Schlosshof und das Kaffeewasser der Siegener über Generationen hinweg ein reiner Bürbacher Exportartikel waren. Wir waren eben schon immer die, die den Laden am Laufen – oder in diesem Fall: am Fließen – gehalten haben!

Landwirtschaft in Bürbach war früher kein entspanntes Gärtnern, sondern ein knallharter Fulltime-Job gegen die Natur. Steile Hänge, enge Täler und Sommer, die oft mehr nach Herbst aussahen, verlangten Mensch und Tier alles ab. Es war ein ständiger Kampf um das tägliche Brot.
Das Risiko-Management der Vorfahren
Weil man dem Siegerländer Wetter nie trauen konnte, betrieben die Bürbacher eine Art „agrarisches Aktiendepot“: Sie verteilten ihre Früchte auf verschiedene Lagen – mal auf die Sonnenseite, mal auf die Schattenseite. Die Hoffnung war simpel: Wenn es an der einen Stelle ersäuft oder vertrocknet, überlebt es hoffentlich an der anderen.
Der Wahnsinn der „Realerbteilung“
Ein echtes Problem war das Erbrecht, die sogenannte fränkische Realerbteilung. Das bedeutete: Jeder Erbe bekam vom Kuchen genau das gleiche Stück – und zwar von jedem Acker und jeder Bodenqualität.
- Das Resultat: Die Felder wurden immer kleiner, bis ein bunter, aber völlig unpraktischer „Flickenteppich“ aus Roggen, Hafer, Gerste und Kartoffeln entstand.
- Der Nachbarschafts-Stress: Da viele dieser Mini-Parzellen gar keinen eigenen Weg hatten, musste man ständig über das Feld des Nachbarn laufen oder fahren. Dass das regelmäßig für Zoff sorgte, kann man sich lebhaft vorstellen.

Der Hauberg als Lebensversicherung Neben dem kargen Ackerbau war der Hauberg die zweite Säule. Hier wurde nicht nur Holz für die Siegerländer Eisenindustrie gewonnen, sondern auf den gerodeten Flächen zwischen den Baumstümpfen oft auch Roggen angebaut. Es war ein Kreislauf aus Schälen der Eichenrinde (für die Gerberei), Holzkohleherstellung und kargem Getreideanbau.
Bürbachs grünes Gold: Der Hauberg als Multi-Tasking-Wunder
Wenn man früher im Siegerland etwas werden wollte, musste man den Hauberg verstehen. Ohne dieses ausgeklügelte System wäre Bürbach schlichtweg kalt und pleite geblieben. Da die Eisenindustrie einen unstillbaren Hunger auf Holzkohle hatte, erfanden die Vorfahren ein Bewirtschaftungsmodell, das heute jeder Nachhaltigkeits-Experte mit Applaus feiern würde.
Ein Wald für alle Fälle Der Hauberg war kein gewöhnlicher Wald, sondern eine echte Allzweckwaffe. Er lieferte nicht nur das Holz für die Köhler, sondern diente auch als Ackerfläche und Weidegrund. Damit dabei niemand dem anderen in die Quere kam, wurde bereits 1562 eine knallharte Holz- und Waldordnung eingeführt. Das Ganze war genossenschaftlich organisiert: Man besaß den Wald nicht allein, sondern teilte sich die Arbeit und den Ertrag mit den Nachbarn – echtes Teamwork.
ca.
0-fache Menge Holz (pro Zentner Eisen)
Um einen Zentner Eisen zu schmelzen, brauchte man die 15- bis 17-fache Menge an Holz.
genau
0Jahre
So lange dauerte es, bis ein Haubergstück einmal komplett genutzt, abgeerntet und wieder nachgewachsen war..
Anno
0Die erste Waldordnung
Das Jahr, in dem die offizielle Holz- und Waldordnung das genossenschaftliche System zementierte.
Der 20-Jahre-Rhythmus Alles folgte einem strengen Zyklus. Alle 18 bis 20 Jahre wurde eine Fläche „abgetrieben“. Zuerst schälten die Bürbacher die Rinde der Eichen ab (die Lohe war bei Gerbern heiß begehrt), dann wurde das restliche Holz zu Holzkohle gebrannt. Auf der nährstoffreichen Asche wurde direkt im Anschluss Roggen oder Buchweizen gesät. Nach der Ernte durfte das Vieh auf die Fläche, bis die Bäume wieder groß genug waren, um den Kreislauf von vorn zu beginnen.
Das soziale Highlight: Die „Großteilung“ Einmal im Jahr wurde es spannend: Bei der „Großteilung“ wurde festgelegt, wer welches Stück Wald bearbeiten durfte. Das war für die sogenannten „Teiler“ eine knifflige Angelegenheit, die millimetergenaue Arbeit erforderte. Aber die Bürbacher wussten schon damals, wie man harte Arbeit belohnt. Nach getaner Einteilung versammelte man sich bei Kartoffelsalat, Fleischwurst und reichlich Bier. Der Hauberg war also nicht nur die wirtschaftliche Lebensversicherung des Dorfes, sondern auch der Kleber, der die Gemeinschaft zusammenhielt.
„Bürbach – Ortsgeschichte eines Siegener Stadtteils“
von Dieter Tröps aus dem Jahre 1983, Herausgegeben von der Interessengemeinschaft Bürbacher Ortgeschichte.
Wir arbeiten an einem hochaufgelösten Scan dieses Buches und werden es mit Erlaubnis von Dieter Tröps hier veröffentlichen, sobald es fertig ist.
Außerdem folgen hier in Kürze weitere Kapitel der Bürbacher Ortsgeschichte auf der Website.










